Erfahrungsbericht Nr. 7 – Alex Wagner

Liebe Leserinnen und Leser, liebe interessierte Mitmenschen,

neun Monate ein properes Leben, ohne Probleme aus dem Bereich des Magen-Darm-Traktes, und nun, da ich dachte schon eingewöhnt und gegen alles gewappnet zu sein, gibt mir ein fieser Parasit die Breitseite: Magenkrämpfe, Sodbrennen, Durchfall, und Übelkeit, mit dem unangenehmen Geschmack von Blut im Mund. Die Tablette, die mir die freundliche Ärztin verschrieben hat, die im „Centro de Salut“ (eine für jeden Menschen kostenfreie Poliklinik) kindlich über meinen ersten Parasitenbefall lachte, sollen binnen drei Tagen Abhilfe schaffen. Das klingt nicht so rosig, aber es hält mich doch immerhin von den vielen anderen Sachen ab, die ich immerzu machen könnte und möchte, fesselt mich ans Bett und bringt mich dazu meinen siebenten Erfahrungsbericht zu schreiben.
Es ist schon wieder einmal einiges an Zeit vergangen seit meiner letzten Nachricht und mir wird mehr und mehr klar, dass ich 12 Berichte wohl kaum werde schreiben können, für den Moment habe ich min Ziel auf 10 herunter geschraubt, ich hoffe ihr wisst, dass ich die Zeit nicht verfaulenzt habe … Plötzlich sind die Wochen schon abzählbar, am Dienstag fahren wir auf ein Training mit dem offiziellen Material der mobilen Schule (wovon ich ausgiebig im nächsten Bericht erzählen werde) wenn wir wieder richtig in den Alltag zurückkehren, dann bleiben schon nur noch sechs Wochen bis zum Ende meiner Dienstzeit. Ein Jahr zusammengeschrumpft auf die lächerliche Länge der deutschen Sommerferien. Inzwischen haben wir auch endlich den Regen wieder, und genießen es Kleidung und Geschirr wieder mit reichlich Wasser zu waschen und nicht nur mit dem zwingend nötigsten Tröpfchen, doch obwohl überall die Pflanzen sprießen ist die Feuchtigkeit noch trügerisch und lässt uns manchmal noch über eine Woche auf den nächsten Regen warten. Da sei auch erwähnt, dass dies nicht unbedingt normal für den Juni in Nicaragua ist, noch leiden wir keine außergewöhnliche Trockenzeit, aber es werden auch hier Stimmen über eine Veränderung des Klimas hörbar. Doch beginnen wir nun mit dem Bericht:

 

Themenklassen im Centro

Im Centro setzten wir uns in den vergangenen Wochen aus verschiedenen Blickpunkten mit unserer Mutter Erde auseinander. In einer Woche ging es um Agrikultur, wobei ihre Wichtigkeit behandelt wurde, aber auch der Schaden der durch falsche und räuberische Anbaumethoden entsteht. In einem praktischen Teil wurde aus Pferdekot und Asche ein ökologischer Dünger hergestellt, wir haben Papaya gesät und ein Feld umgegraben. Es würde uns ausgesprochen gefallen einen regelmäßigen Gartenworkshop zu machen, in dem einige Kinder vieles zur ertragbringenden und ökologischen Landwirtschaft lernen könnten, zumal wir einige sehr interessante Materialien dazu in petto haben. Gerade für Nicaragua ist diese Problematik eine ausgesprochen zentrale, da die landwirtschaftliche Produktion hier ausgesprochen niedrig ist, obwohl es noch unheimlich große Anbauflächen gibt, die unbewirtschaftet bleiben, die Abwanderung in die Städte ist groß. Das führt nicht nur in den Städten zu sozialen Problemen, es treibt auch die Lebensmittelpreise nach oben, da sogar Reis Bohnen und Mais (die Grundnahrungsmittel) im Ausland gekauft werden müssen. Geht dieser Prozess noch einige Jahre so weiter, dann wird es schwer noch an die frühere produktive Landwirtschaft anzuknüpfen, da vieles Wissen, ja direkt eine Art der agrikulturellen Erziehung verloren geht. Wer hier die alten Campesinos (Landarbeiter) erlebt, ihre Art zu arbeiten und zu Leben, der weiß, dass Menschen wie diese einfach nie wieder kommen.
In einer weiteren Woche ging es um die Probleme der Umwelt, die in unserem Zeitalter durch den Menschen entstanden sind. Dieses Thema wurde schon gelegentlich behandelt oder zumindest angesprochen und es war schön, bei einigen Kindern, die schon lange ins Centro kommen zu sehen, das bestimmte Begriffe schon geläufig waren, gewisse Herangehensweisen im denken schon leichter fielen. Auch hier flochten wir wieder das praktische Erleben als wichtigen teil des Lernens in die Themenwoche ein. Wir gingen mit den Kindern auf die nahegelegene Mülldeponie von Masaya, auf der täglich zumindest jene Tonnen von Müll ankommen, die nicht auf illegalen Mülldeponien landen. Doch auch hier ist der Müll nicht ideal verwertet, er wird ziemlich unsortiert einfach verdichtet und mit Erde überdeckt, das giftige Sickerwasser wird mehr oder minder abgeleitet. Problematisch wird es, wenn einem der Bulldozer ein Ersatzteil fehlt, oder eine Reparatur zu lange auf sich warten lässt, dann entzündet sich der unverdichtete Müll im Sonnenlicht selbst und es entsteht ein Schwelbrand e der sich Müllschicht für Müllschicht in den Boden Deponie frisst und dabei Gase freisetzt, die nicht nur für die Umwelt sondern auch für den Menschen folgen haben. Dies ist auch auf dieser Deponie schon an einigen Stellen passiert, die Folgen sind zum Beispiel Hautreizungen, die man hier bei manchen Kindern beobachten kann. In diesem Umfeld arbeiten bei alle dem aber nicht nur Fahrer der Bulldozer und Müll-LKW, sondern auch etwa fünfzig Personen, die aus dem Müll recycelbare Materialien heraussuchen und sich mit deren Verkauf zu Niedrigstpreisen ihren Lebensunterhalt verdienen - wohl die einzige Mülltrennung, die in Nicaragua betrieben wird. Obwohl die Angestellten der Müllkippe das bestreiten arbeiten auch hier einige Kinder. All dies erlebten wir gemeinsam mit unseren Centrokindern noch einmal hautnah. Die wöchentliche Freitagslimpiesa (die gemeinsame Saubermachaktion) wurde in der Umweltwoche zu einem Müllsammelspiel auf der Straße uminterpretiert, wobei eimerweise Müll zusammengetragen wurde, was an der Gesamterscheinung der Straße jedoch noch immer nicht all zu viel änderte. Es wird noch ein weiter Weg sein, bis eine tief gehende Umwelterziehung, zusammen mit einem technischen Fortschritt im Land, die Probleme Nicaraguas in diesem Sektor wird lösen können. In einer weiteren Woche tauchten wir dann in das Meer ein, sprachen über das Korallenriffe, Strömungen, die Weltmeere, das Meer als Lebensraum, Schiffe und U-Boote und den Menschen und seine Nutzung des Meeres, wobei natürlich auch hier der falsche Umgang und sein Folgen ihren Platz fanden. Auch bemühten wir uns wieder einmal die Kinder mit einem vorbereiteten Texten arbeiten und ließen sie die Resultate von Gruppenarbeiten vor allen vortragen. Am dreißigsten Mai ist in Nicaragua Muttertag, ein staatlicher Feiertag, der sehr groß gefeiert wird. Eine Woche verbrachten wir daher damit Muttertagsgeschenke zu basteln und einige Präsentationen für ein kleines Muttertagsfest im Centro vor zu bereiten. Es wurde ein hervorragendes Theaterstück erarbeitet und einstudiert, ich übte mit Kristina und einigen Kindern fleißig Gedichtrezitationen und eine Tanz und Gesangseinlage entstand unter der Leitung von Gris.
Wir setzten uns auch daran mit den Kindern ein Gedicht selbst zu schreiben, wobei mich Angel, ein recht problematischer Traditionscentrogänger, überraschte, der einfach ein Gedicht herunterimprovisierte, was Kristina aufschrieb und ihm zum lernen gab. Am Ende waren alle Aufführungen ausgesprochen gut gelungen, schade nur, dass so wenige Eltern da waren, aber auch so hatte ich das Gefühl, dass die Kinder ihren Spaß hatten.
Dazu gab es reichlich Essen und Fresco, alles in allem ein wirklich schöner Abend in Gedanken an die Mütter, die fast alle durch Abwesenheit glänzten. In der aktuellen Woche beschäftigen wir uns in praktischen Experimenten mit dem Thema Macht. Am Montag erlebten wir den Niedergang einer rein profitorientierten Gesellschaft. Es gab einen Besitzer des Fußballplatzes, einen für die Schaukel und einen Eigentümer eines Eimers Fresco, und auch das Centro und seine Materialien erhielten eine Besitzerin. Alle außer jenen, die schon derartiges Sachkapital besaßen, erhielten eine zufällige Menge Geld, das Ziel des Tages zur ökonomischen Macht war möglichst viel Geld einzuheimsen. Der Fresco ging zu horrenden und ständig steigenden Preisen über den Tisch, die Schaukel wechselte ständig den Besitzer und in das Centro trat nur ein ausgewählter Freundeskreis ein. Noel begann nach einem kurzen Weinkrampf, in Anbetracht der Tatsache, dass er kein Geld mehr zum Schaukeln hatte, sein Fahrrad zu vermieten, später verkaufte er es völlig unter Wert. Jimmy, gerade mal sieben Jahre alt erwies größeres Geschick darin eine geklaute Mütze zu vermieten, ehe er für einige Minuten Arbeit als Verwalter der Schaukel fand. Als immer mehr ohne Geld blieben, weil sie keine Arbeit im Dienste eines besser betuchten mehr fanden, begann die Kriminalitätsrate deutlich anzusteigen, und damit war die Stunde für mich und Aron gekommen, die wir die Rolle der Polizei übernommen hatten. Nach dem Wir lange genug nur illegales schaukeln unterbunden hatten begannen wir nun damit unermüdlich Diebe in das Gefängnis zu schleppen, wo sie sich freikaufen konnten, wenn ihnen das Geld dazu noch blieb. Jonah avancierte schnell zum „Patron“ über ein Heer von Taschendieben, denen er die Freiheit erkaufte, wo bei er uns unentwegt die Augen mit regelmäßigen Zahlungen verschloss. Irgendwann jedoch wurde auch er opfer einiger schlechter Geschäfte, und als er gerade einmal über kein Kapital verfügte ergriffen wir ihn und beobachteten vergnügt wie ihn auf einmal alle seine Freunde im Stich ließen. Einige schwere Fälle mussten wir an den Pfeilern meines Hauses anbinden, da keiner sich bereit erklärte uns den etwas höheren Preis für ihre Freiheit zu bezahlen und wir nicht mehrere Kinder gleichzeitig unter Kontrolle halten konnten. Am Ende gingen wir, als korrupte Polizisten, als Sieger aus dem Spiel hervor unangetastet (von einer kleineren Rebellion seitens einiger Lehrer mal abgesehen) mit einem Profit, der jeden anderen Arbeitsbereich in den Schatten stellte. Was allerdings noch mehr für das Versagen dieser Gesellschaft spricht, ist das an diesem kein Bisschen Fußball gespielt wurde. Nach dem wir Dienstag das Thema Grenzen praktizierten, und gestern zum Thema Sexismus die Jungs unter Anweisung der Mädchen die Limpiesa machten, werden wir heute Totalitarismus spielen, einer wird Diktator sein, eine Gruppe seine Anhänger spielen, andere werden markiert und ihrer Rechte beraubt, der Rest bleibt als unbescholtene Bevölkerung, ich bin gespannt. Am Freitag werden wir in Gruppen die Erfahrungen aus den verschiedenen Machtsituationen besprechen und hinterher ein Freiheitsfest feiern.

Verhalten der Kinder und demokratische Prozesse

In den vergangenen Berichten habe ich schon das eine oder andere Mal unsere Bemühungen umeine effektive Demokratie im Centro beschrieben. Wie erwähnt gibt es ein Plenum, welches jeden Freitag stattfinden kann, wenn es irgendwer (Mitarbeiter oder Kind) für nötig hält. In den vergangenen Wochen hatten wir wieder einmal einige Plena, leider weiterhin nur von uns einberufen, weil manche Kinder sich einfach unmöglich verhalten. So wurde die Regel verabschiedet, dass, wer nicht in irgendeiner Klasse teilnimmt, obwohl er im Centro ist nicht auf den Monatsausflug mitdarf. Obwohl wir vorher schon eine ähnliche Regel hatten, wirkt mir diese Variation ziemlich hart, weil sie wenig Spielraum gibt für die Tagesstimmung des einzelnen Kindes und Einzelfallentscheidungen. Doch rechne ich damit, dass es doch all zu hart nicht zugehen wird, da, die Urteilssprüche am ende ja von dem gemeinsamen Plenum verabschiedet werden müssen, sodass ich glaube, dass es sich immer ein wenig zum guten wenden lassen, so wie im Falle von Angel und Joel:
Die beiden waren über zwei Wochen hinweg so nervig gewesen, dass es nötig war sie noch im gleichen Plenum vor Gericht zu stellen. Sie hatten unsere Anweisungen und bitten auch bei mehrmaligen Hinweisen auf die Regeln des Centros, völlig ignoriert, mit einer Penetranz und Dreistigkeit Schimpfwörter benutzt und zu allem Übel auch noch Kleinere getreten und geschlagen, was ich nun vor dem versammelten Plenum anprangerte. Mit einer leisen Befriedigung sah ich wie Joel (Angel war leider nicht da) zum ersten Mal ein bisschen blass wurde, als ich darauf hinwies, dass dieses Verhalten nach der eben beschlossenen Regel den Ausschluss von der Exkursion nach sich zieht. Die Kinder ließen zustimmende Stimmen hören. Ich warf Joel noch einen Blick zu und bat um Ruhe, um dann eine kleine Ansprache zu seiner Verteidigung hervor zu bringen. Ich gab eine letzte Chance für ihn zu Abstimmung: wenn er sich in der kommenden Woche anders verhielte, dann sollte ihm der Besuch doch erlaubt werden. Die Abstimmung fiel mit großer Mehrheit zu Joels Gunsten aus, der in der kommenden Woche genau wie Angel noch kein Engel war, aber sich doch so deutlich besserte, dass ein Verbot nie ausgesprochen wurde.
Anderen freitags bat ich darum, eine Konsequenz für allzu vulgäre Sprache zu erarbeiten, um die Schimpfwörter die nach den Regeln nun einmal Verboten waren auch wirklich vor allem vom Fußballfeld, wo sie noch immer die Kommunikation dominieren, zu verbannen. Es kamen die Vorschläge: 10 Tritte in den Hintern, eine Woche Centroverbot, 30 Runden um das Fußballfeld rennen und 20 Tritte in den Hintern. Ich ergänzte den Vorschlag eine Woche Fußballverbot und war ausgesprochen erleichtert, als dieser Vorschlag nach einem anfänglichen Kopf an Kopf Rennen mit 20 Tritte in den Hintern die Abstimmung gewann.
Alles in allem ist zu beobachten, dass die Kinder beim Regelnmachen ausgesprochen hart sind, wohl vor allem, weil es ihnen trotz vielmaliger Erklärung noch nicht wirklich klar geworden ist, dass das die Regeln sind, die wir im Centro im alltäglichen Leben auf eben sie selbst und uns anwenden wollen (Wobei natürlich klar ist, dass wir niemandem 20 Tritte in den Hintern verpasst hätten, wir steuerten nur nicht direkt gegen die Aufstellung zur Wahl, weil wir den Kindern zeigen wollten, dass wir ihre Vorschläge ernst nehmen, ernster vielleicht als sie selbst. Im Falle eines Wahlsieges hätten wir noch immer auf die Grundregel der Gewaltfreiheit hinweisen, und eine weitere Diskussion beginnen können …). Gerade deswegen bin ich ein wenig pedantisch mit den schon bestehenden Regeln geworden, bin manchmal direkt auf der Suche nach Regelbrechern, weil ich ihnen durch die Harten Urteil die sie sich selbst aufhalsen die Defekte ihrer Regeln zeigen will. Wenn es zu den konkreten Fällen kommt, da bin ich sicher, werden sie die Regeln immer aufweichen wollen. Vielleicht wäre es günstig jede Woche Regelwächter zu wählen, die auf die Einhaltung der Regeln achten, um so langsam alle Schüler daran zu  gewöhnen, dass die selbst gegebenen Regeln auch beachtet werden müssen, oder wenn sie quatsch sind geändert gehören. Auch das für alle sichtbare Niederschreiben der Regeln, halte ich für einen wichtigen Schritt, für den wir nur noch die entsprechende Form finden müssen (ein Buch, dass viel Platz für neue Regeln und Verbesserungen bietet? Ein Schild, dass allen immer wieder die Regeln ins Gedächtnis ruft?).
Ein anderes Problem sehe ich darin, dass wir weiterhin immer den Kindern das Plenum ein Bisschen aufdrängen müssen, auch wenn die Bereitschaft schon gestiegen ist. Im Moment bin ich am Grübeln, ob wir im Centro vielleicht monatlich Kindersprecher im Centro wählen sollten, was die Demokratie natürlich ein bisschen indirekter machen würde. Aber vielleicht ist gerade das nötig, vielleicht ist das offene Plenum aller ohne die Ernennung von Verantwortlichen schon ein schritt zu weit, vielleicht müssen sie erst einmal mit der Kompromissdemokratie Erfahrung machen, ehe sie bereit sind für die richtige Variante … Vielleicht werde ich es im Plenum einmal ansprechen. Ansonsten sei erwähnt, dass im Centro gerade Frühlingsgefühle herrschen und ich mein größtes Vergnügen darin finde Kathi stunden lang Israel nachjagen zu gehen, kitschige zerknüllte Liebesbriefe im Mülleimer zu finden und die „heimlichen“ Blicke meiner Schülerinnen beobachte. Zum anderen zieht dass natürlich das eine oder andere Liebesdrama nach sich, was so weit ging, dass Bersabeth Julio neulich eine Ohrfeige verpasste und meine Traditionsschülerinnen mit den neuen Mädels kein Wort wechseln.

Meine Klassen für große und kleine Leute

Alles in allem habe ich das Gefühl, dass ich nun, wo das ende schon absehbar wird langsam ein recht guter Lehrer werde, in den Klassen habe ich das Gefühl immer konzentrierter und strukturierter arbeiten zu können und so auch zunehmend richtig was rüber zu bringen. Wenn ich dass richtig deute, freut sich meine sechste Klasse meistens auf den Unterricht mit mir, sicher auch, weil ich nicht der strengste Lehrer bin, was nicht heißt, dass sie nichts lernen. Ich frag jetzt stets schon am Tag vorher nach dem Fach und dem Thema, für die kommende Stunde, weil ich immer öfter die Erfahrung machte, dass meine Mädchen keine Hausaufgaben mitbrachten, sie schon gemacht hatten oder einfach nicht rausrückten, und ich dann etwas doof da stand und eine Klasse zusammenimprovisierte. Nun mache ich mir stets vorher schon meine Gedanken, und auch wenn ich die Stunde nicht ganz durchkonzepiere, wird es meistens auf diese Art eine produktive und dennoch entspannte Nachhilfe, weil immer noch Platz für Nebenwege, Nachfragen und Improvisationen, so wie Abweichungen vom Plan bleibt. Wichtig war es auch, dass ich die Bücher für fast alle Fächer jetzt komplett habe, was meine Arbeit etwas näher an die Inhalte heranbringt, die meine Schülerinnen in der schule brauchen. Nach dem wir über einige Wochen immer in kleinen Portionen den "Kleinen Prinzen" ausgelesen und immer ein bisschen besprochen hatten war ich ein kleines bisschen frustriert. Die Mädchen hörten aufmerksam zu und lasen fleißig, aber wenn ich hinterher versuchte mit ihnen über den Inhalt eines gelesenen Kapitels zu reden, merkte ich, dass sie sich einfach nicht trauten tiefe in die Philosophie des Buches einzutauchen. Meine Fragen auf der Metaebene des Buches wurden stets mit einem zögerlichen „No Se...“ (Ich weiss nicht) beantwortet, obwohl sie mir jede Frage über den Verlauf und die Personen stets richtig zu beantworten wussten. Auf der anderen Seite kam ich mir schlecht vor, wenn ich ihnen meine Sicht auf die Dinge erklärte, denn auch wenn ich das stets nur mit deutlichem Hinweis darauf tat, dass das nur meine Idee und Vorstellung war und nicht die richtige Antwort, hatte ich dass Gefühl, dass ihr nicken und ihr Einverständnis eine Art eintrainieren Anbiederung der kleinen Menschen an die Großen war, gegen die doch dieses herrliche Büchlein sturm läuft.
Aber bis heute haben mich meine Schülerinnen eines Besseren, belehrt, ganz, wie es die großen Leute nötig haben: Ana hat sich das Buch zum Geburtstag gewünscht und ist dabei es nun zum zweiten mal zu lesen und Kathi hat sich schon zum Ausleihen des Buches angemeldet. So werden sie ihre eigenen Schlüsse aus dem Buch ziehen, ganz ohne meinen Ehrgeiz sie ihnen zu entlocken. Auch freut es mich, dass sie das Buch selber hat, da es nun eine Familie mehr in Monimbo (unserem Viertel in dem die eher einfachen Menschen Masayas leben) gibt, die mehr Bücher besitzen als die Bibel.
Mein abendlicher Deutschkurs geht ebenfalls voran, für einige Nachzügler hab ich eine Nachhilfe eingerichtet: Sie kommen eine Halbe stunde eher, bleiben aber auch für den bereits fortgeschrittenen Kurs, und sollten so rasch auf das gleiche Niveau mit meinen Traditionsschülern kommen. Die Tatsache, dass mir nun auch ein Lehrbuch zur Verfügung steht ist mir eine große Hilfe, da ich selbst hier einige Grammatik, die ich natürlich richtig verwenden aber oft nicht recht erklären kann hier nochmal nachschlagen kann. Ich werde mich bemühen für meine Nachfolger einiges an Kopien aus verschiedenen Lehrbüchern da zu lassen, damit sie stets einen guten Überblick behalten. Aus dem Gitarrenunterricht habe ich mich weitgehend zurückgezogen, da meine Schüler des Fortgeschrittenenkurses mir deutlich gemacht haben, dass sie nicht so großen wert auf die Theorie legen und lieber immer direkt in die Praxis einsteigen wollen, die ja Chino bereits übernommen hat. Tatsächlich treffen sie sich weiterhin jede Woche zwei mal zu den entsprechenden Zeiten und auch wenn Chino mal nicht kommt, es ist immer jemand da, der etwas zeigt, und wenn einmal nur diejenigen da sind sollten, die allein nicht recht wissen, was sie machen sollen, dann wissen sie, dass sie mich nur rufen müssen. Problematischer war es im Brakedancekurs, wo der Gitarrenschüler, der stets den Kurs geleitet hatte nicht mehr kommt, weil er eine neue Freundin hat. Ich habe einen neuen Lehrer gefunden, der allerdings ein recht komplizierter Kandidat ist, da er zu den vielen Nicaraguanern gehört die sich fast jeden Tag schon nachmittags an der Flasche hängen. Er hat glaube ich verstanden, dass er weder betrunken zum Kurs kommen kann, noch dort trinken darf und ich habe den Vorstand davon überzeugt ihm diese Chance zu geben, weil er wirklich interessiert wirkte und schon über Wochen immer anfangen wollte. Mal sehen, wie es damit weitergeht, seinen ersten Kurs hat er ganz gut gemacht. Nach dem der erste Brakedanceleherer nicht mehr erschien wurde ich von einigen Schülern seinen Kurses ein bisschen blöde von der Seite angemacht, sie wöllten jetzt endlich einen haben der sich richtig verantwortlich für den Kurs fühlt, sonst fingen sie auch nicht wieder zu lernen an. Das hat mich wirklich ein bisschen wütend gemacht, vor allem weil diese Schüler schon etwas älter sind, und trotzdem noch so tun als seien sie hier in einem Umsonstvergnügungspark, wo alles für sie hergerichtet wäre und wo ich eine Art Clown bin um sie zu unterhalten. Ich habe mich bemüht ihnen zu erklären, dass das Centro von allen lebt die sich hier einbringen und dass sie sich für den Kurs den sie wollen schon selbst verantwortlich fühlen müssen, natürlich helfe ich ihnen immer gern, aber im Grunde ist der Kurs für sie und nicht für mich, sodass mir ich Lernstreik nicht allzu sehr beeindruckt. Nun ja, um sie daran zu gewöhnen, dass ohne ihre Beteiligung nichts läuft, habe ich Pallo darum gebeten das naechste mal seine Anlage mitzubringen, immerhin habe ich ihnen den Lehrer gesucht, dann können sie sich doch um die Technik kümmern.
Wie gesagt ich gespannt und hoffnungsvoll, aber ich weiß auch, dass es lange dauert, die Jugendlichen an ihre Selbstverwaltung und –Verantwortung zu gewöhnen.

Personelle Veränderungen

Irgendwo dazwischen ist Gregor, der uns ein halbes Jahr hier zur Seite stand und, obwohl er in einem anderen Haus wohnte praktisch immer hier war. In sofern mussten wir uns also nicht nur von einem Kollegen, sondern viel mehr von einem Mitbewohner und prima Freund verabschieden, was sicher jeder mit einer Träne im Knopfloch tat. Dabei ist unser Abschied ja nur ein zwischenzeitlicher, in Deutschland wird es all zu leicht sich wieder zu sehen, was wirklich nachdenklich macht ist „Goyos“ abschied von der Familie, dem Projekt den Kindern, denn wer weiß, ob man die wieder sieht, und der Gedanke, dass es auch für uns bald so weit ist … Dafür ist nun Ana eingezogen und auch fest in die Centroarbeit integriert wurden. Sie studiert samstäglich Sport und Pädagogik, und arbeitete vorher bei der Familie als Kinderrasselbandenhüterin und Wäscherin, ehe sie zu uns wechselte. Sie wird Chele ersetzen, dessen Arbeitszeit hier in absehbarer Zeit abläuft.

Kurze Anmerkung zum Garten

Dieser ist nun wieder Grün und die Pflanzen wachsen mit dem endlich einsetzenden Regen wie verrückt. Wir, also vor allem Aron haben ihn mit der Machete ordentlich durchgereinigt, damit nichts zuwächst, haben allerlei neu geplanzt, und bestehende Pflänzchen gedüngt. Wir haben nun neben einer ganzen Reihe Chaguite (verschiedenen Bananenarten), zwei Mangobäumchen, ein neues Avokadobäumchen zwei Zitronen und einen Apfelsinenbaum, ein Kakaostöckchen wächst wie verrückt, drei Papayas sind Gut angewachsen, nach dem wir sie aus dem Abwaschwasserloch, wo sie wild wuchsen, in den Garten verpflanzten, die das Gerüst der Calala ist ausgebessert, einige der Papayas die in der Themenwoche gesteckt wurden strecken ihre Keimblätter, an einer Seite des Gartens wachsen auch vier stolze Tomatenpflänzchen. Um all diesen Pflanzen etwas mehr Sonne zu gönnen mussten wir die Bäume die die Feiler des Zaunes, die unser Grundstück begrenzen und keine Früchte Bringen deutlich  zurückkürzen, eine spannende Arbeit mit der Machete im hohen Baum kahl zu schlagen. Dafür setzten wir ein Paar neue Bäume, in dem wir dickere Äste bestimmter Baume im Boden versenkten, von denen wir wissen, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit anwachsen. Sie sollen sehr bald mit einigen Bambusleisten verbunden werden, um einen kleinen Zaun zu machen, der die Pflanzen vor den zahlreich einschlagenden Fußbällen zu schützen. Und vor durchlaufenden Kathis, die hinter lachenden Israels herrennen.

Nun, lieber Leser, liebe Leserin, soweit mein Bericht für diesen Monat. Morgen breche auf einen Lehrgang mit einem neuen Material für die Mobile Schule auf, über das ich reichlich im nächsten Bericht schreiben werde. Ich hoffe trotz der etwas langen Pause habt ihr weiter einen kleinen Eindruck von unserer Arbeit hier und auch ein wenig Spaß beim lesen. Ich wünsche euch eine großartige Zeit und alles Gute bis zum nächsten Bericht.

Alex Wagner

Kontakt:
alex.wagn_r@yahoo.de
Weitere Informationen über meinen Trägerverband:
http://www.weltweite-initiative.de
 

Spenden:
Wise e.V.
Konto Nr.: 8611300
BLZ.: 55020500 (Bank fuer Sozialwirtschaft)
Betreff: „Spende wise e.V. 70026 Centro Creativo“

Stichwort: Nikaragua